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Duschen

«Tut mir leid. Ich weiß, dass wir uns nicht privat anrufen wollten. Hätte ich auch nicht gemacht, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.»

«Was ist denn?»

«Ich wollte gestern duschen. Ging aber nicht. Als ich das warme Wasser angestellt habe, hat der Durchlauferhitzer ein ganz merkwürdiges Geräusch von sich gegeben. Danach hat es gerochen, als wäre etwas verbrannt, und dann kam nur noch kaltes Wasser. Eiskaltes, um genau zu sein. Ich habe sofort die Sicherung rausgedreht und einen Elektriker angerufen. Der hat mich gerade versetzt. Einen anderen kann ich so schnell nicht auftreiben. Selbst die Notdienste sind überlastet – oder zu teuer. Einige erklären dir schon am Telefon, dass allein die Anfahrt 100 Euro kosten würde. Die spinnen doch. Ich muss aber duschen. Du weißt, wie ich mich fühle, wenn ich nicht mache. Kann ich bei dir im Büro duschen?»

«Du wirst aber auch wirklich nicht vom Leben verwöhnt. Na klar kannst du. Wie du dir sicherlich gedacht hast, bin ich schon zu Hause. Ich würde jetzt aber ins Büro fahren. Wir können uns dort treffen.»

«Bei mir geht es erst etwas später. Ich will gleich noch mit Tim ein paar Schritte laufen. Ich weiß nicht genau, wann ich es schaffe. Du musst aber auch nicht dabei sein.»

«Wäre ich aber gern. … In Ordnung, ich verstecke die Schlüssel irgendwo und schicke dir eine SMS, wo du sie finden kannst.»

Er nimmt die Ersatzschlüssel aus seinem Schreibtisch, entschuldigt sich erneut bei seiner Familie und gibt vor, ein Problem lösen zu müssen. Dazu benötige er Unterlagen aus dem Büro. Dann setzt er sich aufs Fahrrad und fährt los. An seinem Arbeitsplatz packt er die Schlüssel für die Haus- und die Bürotür in einen Briefumschlag. Er faltet den so klein wie möglich zusammen und befestigt ihn mit Klebeband an der Unterseite der Fensterbank, die am weitesten vom Eingang entfernt ist. Er hofft, dass niemand ihn dabei beobachtet hat und die Chance nutzt, das Büro auszuräumen. Er teilt Maya per SMS mit, wo sie die Schlüssel finden kann. Er schreibt einen kleinen Gruß auf einen Zettel, klebt den an die Tür der Duschkabine, und kehrt nach Hause zurück. Dort findet er nur noch Petra im Garten. Seine beiden Töchter haben sich auf ihre Zimmer zurückgezogen.

*

Als er am nächsten Morgen wieder ins Büro kommt, empfängt ihn Parfümduft. Offenbar hat Maya Olga eingesprüht. Sein Zettel liegt vor der Tastatur auf dem Schreibtisch. Auf die Rückseite hat Maya „Danke für die Dusche“ geschrieben und die Zeilen mit einem Lippenstift-Kussmund gekrönt (hier das Originaldokument). Er geht zu der Schaufensterpuppe und schnuppert an ihr. Augenblicklich hat er ein Bild von Maya vor Augen. Sie schwört auf dieses Parfüm, dass so teuer ist, dass sie es sich nur gelegentlich, im Moment gar nicht, leisten kann. Deshalb hatte sie sich riesig gefreut, als Michael ihr vor Kurzem eine Flasche aus dem Duty-free-Shop mitgebracht hatte. Zwar bezieht sie inzwischen Hartz IV, aber von dem Betrag, den der Staat alleinlebenden Hartzern zugesteht, kann sich niemand ein Luxusgut wie Parfüm leisten.


Hier gibt es eine weitere Leseprobe, die mit dem Duschen im Büro zu tun hat.


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