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Er trägt eine Strumpfhose

Die beiden verlassen das Restaurant und schlendern zum Auto. Maya ist müde. Deshalb bringt er sie nach Hause. Er ist traurig, dass der Abend nicht im Bett endet, wäre darüber nach der tagelangen Funkstille aber auch überrascht gewesen. Es wäre dennoch ein schönes Ende eines angenehmen Abends gewesen. Als er vor ihrer Wohnung hält, sagt er: «Im Zusammenhang mit dem Thema von gerade würde ich auch gern noch etwas beichten. Ist aber heikel.»

«Das wäre?»

Er zögert einen Moment, da er sehr unterschiedliche Reaktionen auf dieses Geständnis erhalten hat. Er fände es schade, wenn Mayas sich in die Riege derjenigen einreihen würde, die sich negativ verhalten. Andererseits: Warum sollte sie? Gerade ihr Umgang mit nicht alltäglichen Situationen gehört zu den Pluspunkten, die sie so attraktiv machen. Er fasst sich ein Herz und sagt: «Ich mag Strumpfhosen nicht nur bei Frauen. Ich trage auch selbst welche.»

Maya sieht in mit einem Blick an, der von Belustigung bis Fassungslosigkeit alles bedeuten kann. «Du meinst das ernst?» erwidert sie.

«Ja.»

«Wir reden über Damenstrumpfhosen? Nicht dicke, mit Eingriff, die Männer zum Skifahren anziehen?»

«Das Wort „Damen“ gefällt mir in diesem Zusammenhang nicht so gut. Für mich sind das Unisex-Kleidungsstücke. Meiner Meinung nach gibt es nur ein weibliches Kleidungsstück, den BH. Selbst Röcke werden in anderen Kulturen von Männern getragen. Aber das nebenbei. Um auf die Frage zurückzukommen: Wenn du „Damen“ als Synonym für transparente Feinstrumpfhosen meinst, dann ja, auch die. Aber dickere ebenfalls. Hängt davon ab.»

«Wovon?»

«Vor allem, wie Wetter und Temperaturen sind. Aber auch davon, worauf ich Lust habe.»

«Das finde ich abgefahren. Wie kommt man als Mann da drauf?»Marten de Trieste in einer grauen, blickdichten Strumpfhose

«Warum ich damit angefangen habe, kann ich nicht beantworten. Hat vermutlich etwas mit meiner Sozialisation zu tun. Aber wann, weiß ich noch wie heute: Meine erste Feinstrumpfhose habe ich mir mit 14 gekauft. Einen Tag nach meinem Geburtstag. Von dem Geld, das ich geschenkt bekommen hatte. Ein Billigteil aus dem Supermarkt. Ein unvergessliches Erlebnis. Zunächst bin um das Regal herumgeschlichen, dann habe ich mit zitternden Händen an der Kasse gestanden. Als ich die Verpackung zu Hause geöffnet und das Material in der Hand hatte, habe ich eine Mordserektion bekommen.»

«Das war mit gerade einmal 14 vermutlich nicht so schwierig.»

«Stimmt. Aber in dem Fall ging es besonders schnell.»

«Diese Reaktion hat sich inzwischen aber erledigt, oder?»

«Heute ziehe ich die Teile vor allem aus praktischen Gründen an. Ich bin eine Frostbeule, und Strumpfhosen helfen prima gegen kalte Beine. Das Gute an ihnen ist, dass man sie optimal an die Temperaturen anpassen kann. Viel besser als lange Unterhosen. Wenn im Büro die Heizung mal wieder spinnt, reicht eine dünne Nylonstrumpfhose, aber wenn man bei minus zehn Grad und scharfem Ostwind mit dem Hund raus muss, dann ist eine Strickstrumpfhose besser.»

«Den Teil verstehe ich. Aber was meintest du mit „worauf ich Lust habe“?»

«Ich werde heute nicht mehr steif, wenn ich eine Feinstrumpfhose anziehe, aber ich mag das Gefühl immer noch an meinen Beinen und meinen Händen. Seine eigenen Beine zu streicheln, ist eine gute Alternative dazu, keine Beine zu streicheln und permanent frustriert durch die Gegend zu laufen.»

«Weiß Petra auch davon?»

«Nicht von Anfang an. Aber ich habe es ihr relativ kurz, nachdem wir zusammengezogen sind, erzählt. Nachdem ich ihr zum wiederholten Mal erklärt hatte, wie sehr ich mir wünsche, sie in Strumpfhosen zu sehen, und sie mir zum wiederholten Mal klar gemacht hatte, dass das niemals der Fall sein werde. Da habe ich gesagt, dann könne ich es ja selbst machen. „Bitte sehr“, meinte sie, weil sie wohl nicht geglaubt hat, dass ich es wirklich mache. Habe ich aber. Im Haus, mit Shorts oder langen Pullovern. Am Anfang hat sie Kommentare wie „gruselig“, lächerlich“, „hässlich“ abgegeben. Das hat sich im Laufe der Zeit erledigt. Als die erste Tochter dann alt genug war, um es bewusst wahrnehmen zu können, habe ich es zu Hause eingestellt. Gesellschaftliche Konventionen zu durchbrechen erfordert mehr Mut, als ich habe.»

Maya überlegt, was sie davon halten soll. Michael wartet auf ihre Reaktion. Plötzlich lächelt sie. «Hast du jetzt auch eine an?», erkundigt sie sich.

«Natürlich nicht. Ich konnte nicht ahne, wie der Abend verlaufen würde. Hätte ja sein können, dass ich mich vor dir ausziehe. Den Schock wollte ich dir ersparen. Obwohl ich erfahren habe, dass Sex in Strumpfhosen sehr erfüllend sein kann. Wenn die Partnerin mitspielt. Aber dann sollte sie schonend an das Thema herangeführt worden sein.»

«Ich frage besser nicht, woher deine Erfahrungen stammen. Wenn ich ehrlich bin, finde ich es ziemlich befremdend, mir dich oder einen anderen Mann in Strumpfhosen vorzustellen. Wenn es dir gefällt, mach es. Ausgerechnet ich sollte niemandem einen Vorwurf machen, weil er anders ist als andere. Sei aber bitte auch zukünftig so rücksichtsvoll, mir den Anblick zu ersparen.»

«Lässt sich machen», verspricht Michael. Sie beugt sich zu ihm, umarmt ihn und gibt ihm einen Abschiedskuss. „Ich muss jetzt wirklich pennen», sagt sie. «Hoffentlich träume ich heute nicht von dir in Nylon. Ich hatte genug Albträume in der letzten Zeit.»

Sie steigt aus und verschwindet im Haus.


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