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Essstörung

Michael wendet sich wieder Lars zu. «Du hast im Prinzip recht, was unsere Ehe angeht. Aber ich hasse es nun mal, mit Gefühlen zu spielen. Egal ob mit Mayas oder Petras. Du weißt, dass ich niemandem wehtun will, unabhängig davon wie schlecht mein Verhältnis zu der Person ist. Im Augenblick ist nicht absehbar, wie weit es mit Maya gehen wird. Denk an die schlafenden Hunde. Warum sollte ich sie jetzt schon wecken?»

«Du hast aber Interesse?»

«Na klar. Die Frau ist der Knaller. Ehrlich gesagt schmeichelt es mir, dass sie sich überhaupt mit mir getroffen und offenbar Interesse an mir hat. Sie ist allerdings ein Knaller mit Essstörungs-Hintergrund, wie ich zugeben muss. Den hat man ja nicht einfach so.»

«Oh, oh. Nicht gut. Du erinnerst dich an Karla?»

«Welche?»

«Meine.»

«Die Sozialarbeiterin?»

«Exakt. Die hat lange in einem ambulanten Therapiezentrum mit solchen Mädchen und Frauen gearbeitet. Die hat Dinge erzählt, die gar nicht schön waren.»

«Zum Beispiel?»

«Krieg ich im Einzelnen nicht mehr auf die Kette. Ist schließlich viele Jahre her. Aber ich erinnere mich, dass Karla nach der Arbeit oft am Boden zerstört war. Ein Spruch hat sich allerdings ins Gedächtnis eingeprägt, weil ich immer daran denke, wenn ich eine dürre Frau sehe. Da sagte sie: „Wie anstrengend muss es für die armen Mädchen sein, ein Leben aus Hunger, Lügen und Traurigkeit zu führen?“»

«Hunger verstehe ich, aber warum Lügen und Traurigkeit?»

«Weil die sich und ihrer Umwelt ständig etwas vormachen. Dass sie satt sind, auch wenn sie den ganzen Tag über nur zwei Gummibärchen gelutscht, drei Löffel Magerjoghurt mit Kresse zu sich genommen oder an einem Salatblatt geleckt haben. Oder nachdem sie sich gerade mal wieder eine halbes Päckchen aufgeweichter Papiertaschentücher zu Gemüte geführt haben.»

«Papiertaschentücher?»

«Lecker Zellstoff. Ist genießbar, hat null Kalorien und sorgt für ein kurzzeitiges Sättigungsgefühl. So etwas und andere Dinge dieser Art. Und dann die ewige Lügerei und Betrügerei. Vor jedem Wiegen literweise Wasser in sich reinlaufen lassen, bis der Bauch fast platzt, aber erzählen, die Gewichtszunahme komme durch regelmäßige Nahrungsaufnahme. Permanent behaupten sie, das Thema Essen interessiere sie gar nicht, aber ihre Gedanken kreisen ständig darum. Kalorienzählen und Kalorienvermeiden bestimmen ihr Leben. Da bleibt kein Platz für Fröhlichkeit und Glück.»

«Klingt schrecklich. Dann kann ich nur hoffen, dass Maya die Magersucht tatsächlich hinter sich gelassen hat.»

«Behauptet sie das? Ich wünsche dir, dass es stimmt und sie sich nicht selbst etwas vormacht. Sonst könnte der Schuss gewaltig nach hinten losgehen, wenn sie dich mit ihren Problemen runterzieht. Für Karla und mich war das damals der Trennungsgrund. Sie hat zwar ausschließlich mit den Mädchen gearbeitet und war nicht selbst essgestört. Aber die hat alles viel zu sehr an sich rangelassen. Sie hat immer an das Gute in den Patienten geglaubt, nur um jedes Mal um so heftiger auf die Schnauze zu fallen, wenn sie gemerkt hat, dass sie wieder verarscht worden ist, dass ihre Gutmütigkeit und ihr Vertrauen ausgenutzt worden sind. Sie hat dann ihre Enttäuschung zu Hause rauslassen wollen. Solange, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe.»


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