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Kennenlernen

Maya fragt: «Wie sieht es bei dir aus?»

«Ich bin verheiratet und erfülle jedes Klischee von einem Mann meines Alters.»

»Das heißt?»

«Zwei fast erwachsene Kinder. Mädchen. Im Beruf etabliert. Vom Leben und der Ehe gelangweilt. In der Midlife-Crisis und auf der Suche nach irgendetwas, das mein Dasein wieder interessant macht.»

«Klingt wirklich nach Klischee.»

«Aber so ist es nun einmal.»

«Du scheinst aber beruflich recht erfolgreich zu sein!»

«Von außen betrachtet. Aber alles, was ich mache, ist nur Arbeit. Die kann ich perfekt, habe aber wenig Spaß daran. Ich werde meistens gut bezahlt, aber meine Tätigkeiten sind öde und fremdbestimmt. Ich habe mir noch nie viel aus Geld gemacht. Es ist angenehm, gut zu verdienen und ohne finanzielle Sorgen leben zu können. Im Grunde ist mir Geld aber nicht wichtig.»

«Ich wünschte, mir würde es auch so gehen. Wäre schön, sich mal längerfristig keine Gedanken um Finanzen machen zu müssen. … Was das Kennenlernen angeht: Ich habe nichts dagegen, wenn wir uns näher kennenlernen. Ich finde dich sympathisch. Aber erwarte nicht zu viel. Ich fange sicherlich mit einem verheirateten Mann keine Affäre an.»

«So weit hatte ich gar nicht gedacht. Ehrlich. Ich möchte einfach nur mehr über die schöne Frau in diesem tollen Körper erfahren.«

«Das finden nicht viele.«

«Was?»

«Dass ich einen tollen Körper habe. Vor allem ich selbst nicht. Im Moment fühle ich mich wieder viel zu dick. Guck selbst!» Sie versucht, einen ihrer dünnen Arme in Schwabbelbewegungen zu versetzen, und greift sich an den Bauch, um eine nicht vorhandene Fettrolle zu zeigen.

«Zu dick? Ist klar. Ich würde es spindeldürr nenne. Was ich total klasse finde.»

«Da tickst du anders als die meisten Männer. Die brauchen viel Fleisch. Nicht nur auf dem Grill, auch im Bett.»

«Darf ich dich fragen, warum du so dünn bist?»

«Rate!»

«Du hast wegen versuchten Drogenschmuggels zehn Jahre in einem chinesischen Knast gesessen und dort nur lauwarmes Reiswasser bekommen?«

«Kalt. Also nicht das Reiswasser, sondern dein Tipp. Zweimal darfst du noch.»

«Du gehörst zu den Menschen, die essen können wie ein Scheunendrescher und trotzdem nicht zunehmen. So wie mein ehemaliger Badmintonpartner. Der hat nach jedem Training eine Pizza Vier Jahreszeiten gegessen und drei Halbe getrunken und nicht ein Gramm zugenommen. Bei mir hat es dagegen schon angesetzt, wenn ich seine Bestellung gehört habe.»

«Immer noch kalt. Gib dir beim letzten Versuch mehr Mühe!» Maya simuliert mit den Fingern einen Trommelwirbel auf der Tischkante.

«Du leidest an einer Essstörung?»

«Wärmer, fast heiß.«

«Fast?»

«Es müsste heißen littst, nicht leidest. Ich war magersüchtig, habe das aber überwunden.»

«Geht das überhaupt? Ich kenne mich nicht allzu gut mit dem Thema aus, habe aber mal gehört, Magersucht sei wie jede andere Art von Sucht. Man würde sie nie richtig los.»

«Na gut, dann bin ich halt eine trockene Magersüchtige. Hat mich eine Menge Therapien gekostet, aber meiner Meinung nach bin ich in dieser Hinsicht weitgehend austherapiert.»