Close

Kickern

Die Straßenlaternen gehen an. Ihr Licht fällt durch die bleiverglasten Fenster. Historische Motive erinnern immer noch an eine kleine, regionale Biermarke, die längst von einem Großkonzern geschluckt wurde. Männer stehen oder sitzen am Tresen. Einige reden miteinander. Andere beschäftigen sich mit ihren Smartphones. Einer telefoniert und diskutiert mit der Person am anderen Ende das Für und Wider eines Besuchs bei den Schwiegereltern am kommenden Wochenende. Ein anderer beobachtet regungslos, wie die einzelnen Blasen der Schaumkrone auf seinem Pils zerplatzen. Hinter der Theke füllt ein männlicher Zapfer mit grauem Zopf und im verwaschenen 3XL-Tote-Hosen-T-Shirt Bier in die passenden Gläser. Sein Kollege schenkt nichtalkoholische Getränke ein. Eine weibliche Bedienung kümmert sich um die Gäste an den Tischen und arbeitet die Essensbestellungen ab. Zwei Schachspieler versuchen, den gegnerischen König matt zu setzen. Eine Frau, die ihren pubertären Sohn im Schlepptau hat, isst überbackenen Brokkoli und Bratkartoffeln. Ihr Nachwuchs stochert extrem gelangweilt in seinen Nudeln herum und blättert in einem Veranstaltungsprogramm. Ein junges Pärchen sitzt turtelnd in der Ecke. Eine Gruppe von Schülern hat mehrere Tische zusammengeschoben und feiert irgendetwas, dass sich den Anwesenden nicht erschließt. Vielleicht gibt es keinen speziellen Grund und man macht Party um des Feierns willen. Im hinteren Raum sind die meisten Tische mit Menschen besetzt, die auf ein schnelles Gericht von der Tageskarte vorbeigekommen sind. Teelichter in Butterbrottüten aus Pergament sollen für heimelige Atmosphäre sorgen. An den Wänden hängen großformatige, schwarz-weiße Landschaftsfotografien. Offensichtlich hat ein weiterer Kandidat die Chance erhalten, seine Werke im Rahmen des städtischen Kunst-Shootouts zu präsentieren. Wie immer ist die Musik einen Deut zu laut, aber heute ist wenigstens das Genre erträglich.

Michael und Lars spielen hoch konzentriert Kicker. Schon lange ist dieses traditionsreiche Lokal die Stammkneipe der beiden. Sogar ihre Väter haben vor Jahrzehnten dort regelmäßig nach der Bergschule ihr Pils getrunken. Früher, als es noch eine grün-alternative Szene gab, die diesen Namen verdiente, traf man sich hier zum Philosophieren und Diskutieren. Oder man hörte Liedermachern und Poeten zu. Die Redaktionstreffen der alternativen Stadtzeitung fanden ebenfalls hier statt. Michael und Lars gehörten zum harten Kern. Man war eine eingeschworene Gemeinschaft und wollte die Welt verbessern.

Einer, der ebenfalls dazu gehörte, war Mathew Kilburn. Der Halbschotte ist ein begnadeter Gitarrist. Schon als Schüler komponierte er einen Nummer-eins-Hit, der nach wie vor zum Repertoire fast aller Radiosender rund um den Globus gehört. Sein damaliges Hobby hat er zum Beruf gemacht. Obwohl ihm nie wieder ein auch nur annähernd so erfolgreiche Komposition gelang, fließen die Tantiemen reichlich. Mathew braucht sich deshalb weder um sein finanzielles Auskommen noch um sein Sexualleben zu sorgen. Er ist stets spendabel, und ihn umgibt eine Aura des lokalen Promis, die er gern pflegt. Beides hat ihm eine große Zahl falscher und ehrlicher Freunde eingebracht. Seine Auftritte beschränken sich in den letzten Jahren auf Kneipenkonzerte mit irischem Folk. Manchmal sind dabei so wenige Zuhörer, dass das Konzert ebenso gut in seinem VW-Bus hätte stattfinden können. Ihn stört es nicht. Er ist mit Leib und Seele Musiker und würde auch in leeren Hallen auftreten.

Michael und Lars kennen ihn schon seit der Schulzeit. Seinerzeit wurde er von Jungen bewundert, von Mädchen angehimmelt. Sie können sich an keinen Tag erinnern, an denen er nicht in Begleitung mindestens einer gutgebauten Frau anzutreffen war. Auch an diesem Abend betritt er die Kneipe nicht allein. Zu seiner Entourage gehören zwei junge Männer und drei viel jüngere Frauen. Als er die beiden Freunde am Kicker entdeckt, dröhnt seine vom Kettenrauchen und einer unzählbaren Menge an Whiskys modulierte Stimme durch den Raum: «Na, ihr Wemser. Alles im grünen Bereich?»

«Ja sicher», brüllt Lars zurück. «Und selbst?»

«Siehst du doch», antwortet Mathew und deutet mit einem süffisanten Lächeln auf seine Begleiterinnen.


Hier kann man das gedruckte Buch, eine Epub- oder eine Kindle-Version bestellen.