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Lichtschalter

Maya geht ins Wartezimmer. Das ist deutlich weniger geschmackvoll eingerichtet als die beiden Behandlungsräume. Sparsamkeit und Funktionalität sind die Vokabeln, die bei der Auswahl der Einrichtungsgegenstände Pate gestanden haben. Zudem konnte der Arzt an Gardinen und Blumen für die Fensterbänke sparen. Das Wartezimmer befindet sich im Innenbereich des Geschäftshauses. Fenster oder sonstige Tageslichtquellen gibt es nicht. Helligkeit kommt ausschließlich von den Deckenlampen, die den Raum mit kaltem Licht füllen. Maya blättert lustlos in einigen der alten Lesezirkel-Zeitschriften. Normalerweise ekelt sie sich vor diesen Drucksachen, die schon von x anderen Menschen angefasst worden sind. Aber die fehlenden Fenster und die Wände aus dickem Stahlbeton verhindern den Mobilfunkempfang. Alle WLAN-Netze, die Maya orten kann, sind gesichert. Die Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, sind begrenzt. Normalerweise funktioniert die Praxisorganisation. Warten müssen Patienten selten. Deshalb ist es verständlich, dass diesem Raum keine allzu große Aufmerksamkeit bei der Einrichtung zuteilwurde.

Bislang hat Maya daran keinen Anstoß genommen. Als die Geschichten rund um holländische und norwegische Royals, die erneute Schwangerschaft einer englischen Herzogin, die Geliebte eines Schlagersängers, der seine beste Zeit lange hinter sich hat, der Rosenkrieg eines deutschen Nachrichtensprechers und seiner Frau und das neue Outfit eines US-Filmsternchens sie ebenso langweilen wie die tausendfach publizierten jahreszeitlichen Kochrezepte, fängt sie an, mit sich rasant steigender Wut das Licht an- und auszuschalten. Maya zähle jede Betätigung des Schalters leise mit.

Als sie fast bei 800 angekommen ist, ruft die Sprechstundenhilfe.

«Frau Franken? Sie können jetzt reingehen.»

«Wurde auch Zeit.»

Sie stürmt ins Sprechzimmer und schreit: «Was ist das für eine beschissene Organisation? Ich sitze mir den Arsch platt, langweile mich mit den Oma-Zeitschriften zu Tode und kann noch nicht einmal aus einem Fenster gucken.»

Der Therapeut sieht sie ruhig an. «Sie sind sehr aufgebracht. Was hat sie so verärgert?»

«Die blöde Kuh da vorne hat den Termin falsch eingetragen und mir dann noch die Schuld gegeben. So kann man nicht mit mir umgehen.»

«Einen Moment, bitte.» Der Therapeut holt aus einem benachbarten Raum einen weiteren Stuhl. Er platziert ihn so, dass er mit den beiden bereits vorhandenen ein gleichschenkliges Dreieck bildet. «Setzen Sie sich erst einmal und kommen Sie zur Ruhe.»

Maya blickt ihn wütend an, setzt sich aber. Der Therapeut folgt ihrem Beispiel. «Jetzt versuchen Sie, Ihren Ärger auf den freien Platz zu schieben.»

Maya atmet einige Male tief ein und aus, dann schließt sie die Augen und konzentriert sich eine Zeit lang ausschließlich auf ihr Inneres. Nach einer Weile öffnet sie die Augen wieder. «Ok.»

«Sie haben einen außerordentlichen Termin vereinbart. Was ist passiert?»

«Ich bin sehr verzweifelt. Ich habe Angst, dass ich mich wieder auf ein großes schwarzes Loch zu bewege. Ich sehe im Moment absolut keine Perspektive. Ich fürchte, ich werde diesmal keine Kraft haben, den Sturz zu verhindern.»


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