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Jobcenter

Leseprobe aus „Voll neben dem Gleis“: Jobcenter

Maya muss zum Jobcenter. Sie blickt mehrfach auf ihr Handy und betritt um 14.56 Uhr das Gebäude, dessen Türen sich bei ihrer Annäherung automatisch öffnen. Sie fährt mit dem Aufzug nach oben. Eine blecherne, weibliche Computerstimme sagt das Erreichen der einzelnen Stockwerke an. In der zweiten Etage steigt Maya aus. Sie kontrolliert den in ihrem Handykalender gespeicherten Termin, sucht den richtigen Gang und geht los. An Zimmer 251 schaut sie auf das Namensschild, klopft an. Ohne Reaktion. Sie klopft noch einmal, stärker. Erneut ohne Reaktion. Sie drückt die Klinke herunter. Das Büro ist abgeschlossen.

Verärgert nimmt sie in der funktionalen Sitzecke auf dem Gang Platz. Zwei Mal drei mausgraue Plastiksitzschalen und ein kleiner, quadratischer Tisch sind im rechten Winkel mit einem Alugestell verschraubt. Dieses wiederum ist im Boden verankert. Auf dem Tisch, der sich in der Ecke dieser Kombination befindet, liegen bunt durcheinander gewürfelt Prospekte, Formulare und Flyer. Maya sucht in dem Papierhaufen etwas Interessantes. Sie strebt aber weder eine Ausbildung zur Sicherheitsfachkraft an noch will sie einen Staplerführerschein machen. Für die spezielle Ü50-Betreuung ist sie zu jung. Ihr Interesse an dem Lesestoff erlischt. Gelegentlich gehen andere „Kunden“ oder Mitarbeiter an ihr vorbei. Einige grüßen, andere nicht. Sie kontrolliert immer wieder die Uhrzeit, während sie wartet. Zimmer 251 bleibt verschlossen.

Die Zeit vergeht im Schneckentempo. Um sich abzulenken, beobachtet sie einige Krabbeltiere, die emsig zwischen dem Blähton und dem Stiel der Yucca-Palme hin und her eilen, die in einem großen, runden Bottich an der gegenüberliegenden Wand platziert wurde. Um Viertel nach drei hat sie keine Lust mehr, zu warten. Sie steht auf und klopft am Nachbarbüro, aus dem soeben eine andere „Kundin“ herausgekommen ist.

«Herein.»

Maya öffnet die Tür und blickt in einen überheizten Raum. Nur der linke der Kopf an Kopf stehenden Schreibtische ist besetzt. Auf beiden stapeln sich Akten in roten Ordnern, deren Umfang und Zustand unterschiedlich ist. Ein topmoderner Flachbildschirm an jedem Arbeitsplatz, ein mittig platzierter Drucker, der von beiden Mitarbeitern benutzt werden kann, und zwei Topfpflanzen befinden sich ebenfalls auf den Schreibtischen. An den Wänden hängen Poster mit Allerweltsmotiven. Auf der Fensterbank dudelt leise ein Transistorradio. Maya fragt sich, ob sie schon auf der Welt war, als das Gerät gebaut wurde. Daneben steht eine orangerote Kaffeemaschine, über und über mit Aufklebern „verziert“. Sie erkennt das Logo einer Gewerkschaft und Fußballerporträts, die vor einigen Jahren vor und während eines Turniers als Zugabe zu Schokowaffeln zu haben waren. Ein Mitarbeiter in den 40ern schaut Maya erwartungsvoll entgegen.

«Guten Tag. Ich hätte um 15 Uhr einen Termin mit Frau Weber gehabt. Die scheint aber nicht da zu sein.»

«Wer ist Frau Weber?»

Maya schaut den Mann erstaunt an: «Ihre Kollegin. Aus dem Nachbarzimmer.»

«Kenne ich nicht.»

«Der Mensch, der maximal drei Meter Luftlinie von Ihnen entfernt sitzt.»

«Wie gesagt: Kenne ich nicht. Die ist dann wohl vom Jobcenter. Ich arbeite für die Arbeitsagentur.»

«Kann ich Ihnen denn meinen Antrag geben, und sie reichen ihn an die Kollegin weiter?»

«Nein. Wie gesagt, es ist eine andere Behörde. Sie würden ja Ihre Steuererklärung auch nicht beim Tiefbauamt abgeben, oder?»

«Wenn Finanzamt und Tiefbauamt Tür an Tür arbeiten würden, vielleicht. Ich würde einfach darauf hoffen, dass man im Tiefbauamt nett ist und einem „Kunden“ einen solch banalen Wunsch erfüllt.»

«Ich mache es jedenfalls nicht.»

«Ist das ihr Ernst?»

«Natürlich.»

«Ihr letztes Wort?»

«Ja.»

Maya blickt den Mann noch einige Sekunden lang böse an, sagt dann: «Unfassbar.»

Sie schließt die Tür und geht zurück zu ihrem Sitzplatz. Um 15.22 Uhr nähert sich eine ältere, lustlos wirkende Frau. Ihr draller Körper steckt in einer weiten Stoffhose und einer Bluse, die schon bessere Zeiten gesehen hat. In einer Hand hält die Frau eine Flasche Mineralwasser, in der anderen einen Schlüsselbund. Sie würdigt Maya keines Blickes, öffnet das Büro mit der Nummer 251, geht hinein und macht die Tür hinter sich zu.


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