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Notfallkoffer

Leseprobe aus „Voll neben dem Gleis“: Notfallkoffer

Maya will ihren Lippenstift nachziehen, findet ihn aber nicht in ihrer Handtasche. Sie räumt nach und nach immer mehr Utensilien aus, um den restlichen Inhalt besser sehen zu können. Darunter befindet sich auch ein Federmäppchen aus Leder. Es ist über und über mit Kugelschreiber bemalt. Michael erkennt Blumen, abstrakte Formen und den Namen einer vor Jahren populären Punkband. Die dunkle Farbe des Leders und die an einigen Stellen aufgeplatzte Oberfläche deuten darauf hin, dass das Mäppchen alt ist.

«Was ist das denn?», fragt Michael. «So etwas habe ich zuletzt vor 30 Jahren in der Schule gesehen.»

«Da war ich noch gar nicht auf der Welt, Opa. Trotzdem ist es ein Überbleibsel aus der Schulzeit», antwortet Maya, «aber natürlich nicht so alt wie du.»

«Was ist da drin?»

«Was man als Borderliner braucht.»

«Verstehe ich nicht.»

«Das ist ein sogenannter Notfallkoffer», erläutert Maya. «Heißt so, obwohl es kein Koffer ist. Da sind einige Dinge drin, die ich benutzen kann, wenn es mir schlecht geht.»

«Zeig!»

Maya findet den gesuchten Lippenstift, zieht die Konturen nach und reicht ihm das Mäppchen. Während sie die anderen Dinge wieder in ihre Tasche packt, holt er die Gegenstände einzeln raus. Schließlich liegt ein kleines Arsenal unterschiedlichster Dinge auf dem Tisch: zwei Wäscheklammern, eine getrocknete Chili, ein Stein mit spitzen Kanten, ein ovaler Stein mit glatter Oberfläche, zwei sehr kleine, runde Kieselsteine, mehrere Parfumproben, eine Ammoniak­ampulle, wie man sie in Apotheken kaufen kann, zwei in Zellophan gewickelte Bonbons mit dem Hinweis „extrem sauer“, ein halbes Dutzend Salzheringe aus Lakritz und eine Karte, auf der sich Argumente für und gegen das Ritzen befinden.

«Verstehe ich immer noch nicht», stellt Michael fest.

«So schwierig ist es nicht. Das alles dient dazu, mich abzulenken, wenn es mir schlecht geht und ich fürchte, in ein Loch zu fallen. Ich kann mir damit wehtun, ohne mich zu schneiden. Ich kann positive Assoziationen wecken. Ich kann mich durch Geschmack und Geruch von miesen Gedanken ablenken. Da ich nie weiß, welche das sind und welche Ablenkung mir in dem Moment am meisten nützt, gibt es eine Auswahl.»

«Hilft es?»

«Es hat früher oft geholfen. Seit es mir besser geht als damals, habe ich davon nichts mehr benutzt. Apropos, ich sollte die Bonbons und das Lakritz entsorgen. Die sind uralt», sagt Maya. Sie nimmt eine Serviette und legt die Dinge dort drauf.

«Haben alle Borderliner so etwas?»

«Nicht alle. Viele können damit nichts anfangen, andere haben andere Dinge, auf die sie zurückgreifen. Im Prinzip ist die Liste der Gegenstände, die man in einen Notfallkoffer packen kann, unendlich und so individuell wie der Mensch, der ihn benutzt. Man kann sich auch nur auf Karten beschränken, auf denen philosophische oder esoterische Sprüche stehen, Hilfen aus der Therapie oder Wünsche von Freunden.»

Maya verstaut die übrig gebliebenen Dinge wieder im Federmäppchen. Sie sehen zu, wie die Bedienung das gebrauchte Besteck und Geschirr abräumt. Kurz darauf kommt sie zurück, wischt die Tischplatte ab und entkorkt eine weitere Flasche Wein. Kondenswasser signalisiert, dass auch dieses Getränk die richtige Temperatur hat. Michael schenkt beiden ein. Sie prosten sich zu und genießen den ersten Schluck.

«Ich würde gern mit dir über etwas reden, habe aber Schiss davor, es anzusprechen», meint Michael nach einer kurzen Bedenkzeit.

«Trau dich. Mir ist die Offenheit gerade auch nicht leicht gefallen.


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