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Rote Strumpfhose

„Ich würde dich aber gern sehen. Ich habe Maya-Entzugserscheinungen.»

«Das ist schlecht. Dann versuche ich, Therapie light zu machen, und hoffe, dass es nicht all zu übel wird. Ich melde mich später.»

Michael arbeitet weiter und verlässt schließlich sein Büro, ohne eine Nachricht von ihr erhalten zu haben. Er fährt nach Hause, bereitet eine Kanne Assamtee zu, setzt sich im Wohnzimmer auf das Sofa und liest in einer Zeitschrift. Im Radio läuft das Nachmittagsprogramm des lokalen Hörfunksenders. Zwischen den einzelnen Mainstream-Musikstücken verbreitet der immer gut gelaunte Moderator Plattitüden und fordert die Zuhörer auf, am Goldsegen-Gewinnspiel teilzunehmen. Für nur 50 Cent pro Anruf, aber mit der Aussicht auf Tausende von Euros. Alles, was sie dafür tun müssten, sei, eine rückwärts abgespielte Textzeile aus einem Poptitel zu erkennen. Michael hält nichts von solchen Sendungen. Er bereut, das Radio eingeschaltet zu haben, ist aber zu träge, um dem Elend ein Ende zu bereiten. Endlich trifft die SMS ein, auf die er gehofft hat. «Fertig. Wenn du dir den Restabend jetzt noch mit einer depressiv verstimmten, mundfaulen Zicke versüßen möchtest, stelle ich mich gern zur Verfügung. Wenn nicht, kann ich das gut verstehen.»

«Ich liebe depressiv verstimmte, mundfaule Zicken. Ich hol dich um 19.30 Uhr ab.»

Zur verabredeten Zeit wartet er vor ihrer Wohnung. Er verlässt sich darauf, dass sie herunterkommen wird, ohne dass er auf sich aufmerksam machen muss. Nur wenige Minuten, nachdem er den Motor ausgestellt hat, kommt sie aus dem Haus. Sie trägt wieder einen sehr kurzen Rock und eine blickdichte, rote Strumpfhose. Sie lächelt ihn an, läuft um das Auto herum und steigt ein. Als er ihr einen Begrüßungskuss geben will, hält sie ihn davon ab. «Nicht. Ich habe schlechte Laune.»

«Das habe ich nicht anders erwartet.»

«Nicht wegen der Therapie. Die war angenehm. Aber Tim hat mir gerade eine Szene gemacht, weil ich mich so angezogen habe. Ob ich wieder zum Ficken wolle. Er kapiert immer noch nicht, dass ihn das nichts mehr angeht. Dann haben wir uns angeschrien, bis er sich beleidigt auf das Sofa zurückgezogen hat.»

«Ich kann verstehen, was er empfindet, so wie du aussiehst.» Er zeigt auf ihre Beine. «Ich hätte nicht gedacht, dass du mal in so etwas Farbenfrohes schlüpfst.»

«Ich finde mich auch ziemlich mutig und bin mir noch nicht sicher, ob ich mich wohlfühle. Ich habe mir das Teil neulich gekauft, weil es fast so aussieht wie die Strumpfhose von Olga im Büro. Ich dachte mir, es würde dir gefallen.»

«Macht es.»

«Hätte ich Tims Reaktion vorhergesehen, hätte ich Jeans und Pulli angezogen. Dann hätte ich dir zwar mit meinem Outfit keine Freude gemacht, mir aber diesen Streit erspart. Mir ist heute wirklich nicht danach, mich von meinem undankbaren Ex als Flittchen beleidigen und beschimpfen zu lassen. Ich war kurz davor, ihn rauszuschmeißen. … Lass uns das Thema beenden, bevor meine Laune komplett im Keller ist.»


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