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Tränen fließen

Maya hat sich mit Tanja und Gisela verabredet. Sie kennt die beiden seit ihrem zweiten Klinikaufenthalt. Seitdem telefonieren sie gelegentlich miteinander. Manchmal schaffen sie es auch, sich zu treffen. Die beiden stammen aus Süddeutschland. Sie sind auf dem Weg zu einem Urlaub an der Nordsee und nutzen die Gelegenheit zu einem Abstecher zu Maya. Das Trio hat sich morgens in einem Café getroffen.

Die drei Frauen hatten sich eine Menge zu erzählen. Die gemeinsame Zeit im Krankenhaus ist immer ein kleiner, unvermeidbarer Teil der Gespräche. Nicht alle Erinnerungen daran sind schlecht. Viele Episoden, die sie während der Therapiestunden und mit Mitpatienten erlebt haben, sind Anlass zu ausgiebigem Lästern und Lachen. Weitere Themen finden sich zuhauf. Das Treffen verläuft kurzweilig. Ehe die beiden Besucherinnen sichs versehen haben, müssen sie wieder aufbrechen. Der Vermieter hält den Schlüssel für ihre Unterkunft bis 18 Uhr bereit, und sie wollen sich einen kleinen zeitlichen Puffer verschaffen. Man weiß nie, was unterwegs los ist.

Maya hat sich angeboten, die beiden zu ihrem Auto zu begleiten. Sie laufen durch die City, werfen gelegentlich einen Blick in die Auslagen der Geschäfte. Als Maya in einer Schaufensterscheibe ihr Spiegelbild sieht, versucht sie zu lächeln. Plötzlich bemerkt sie, dass ihr eine Träne über die Wange läuft. Der ersten folgen weitere. Sie hat keine Ahnung, was plötzlich mit ihr los ist. Sie fängt unvermittelt an, zu frieren. Die bis dahin gute Stimmung und die positiven Ereignisse der vergangenen Tage sind im Bruchteil einer Sekunde verflogen. Alles um sie herum wird trist. Die Farben verschwinden. Ihre Freundinnen wollen sie trösten, aber Maya hält sie auf Abstand. Sie entschuldigt sich für ihr Verhalten und verabschiedet sich.

Weinend läuft sie nach Hause. Vor dem Spiegel in ihrem Badezimmer versucht sie, trotz ihrer Tränen, erneut zu lächeln. Sie gibt sich wirklich mühe. Es funktioniert nicht. Sie geht ins Schlafzimmer und legt sich auf ihr Bett. Sie ist traurig und weiß nicht, warum. Das Leben ergibt keinen Sinn mehr. Sie stellt alles infrage. Das, was sie bisher getan hat, ebenso wie ihre Pläne für die Zukunft. Alles, was sie sieht, ist ein dunkler Tunnel. Jedenfalls glaubt sie, dass es ein Tunnel ist. Sie sieht das Ende nicht, weil es kein Licht gibt. Sie fühlt nichts, außer Traurigkeit. Sie kann nur traurig sein und weinen. Im Gegensatz zu früheren Anfällen fühlt sie aber keine innere Anspannung, sondern Leere. So hat sie wenigstens nicht den Drang, sich Schmerzen zuzufügen. Sie fühlt sich – noch.


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